Was klingt, wie eine Zeile aus einem deutschsprachigen Popsong, soll meinen diesjährigen Jahresrückblick einleiten, denn im Frühjahr war die Welt für uns alle im Wesentlichen noch in Ordnung. Was dann jedoch folgte, war nicht nur eines der wärmsten Jahre seit Aufzeichnung der globalen Temperaturen, sondern insgesamt das verrückteste der letzten Jahrzehnte. Ich werde in diesem und im nächsten Monat einen Blick auf die Entwicklung des deutschen und europäischen Photovoltaikmarktes im Zeichen von Pandemie und Klimakrise werfen, vor allem aber auch auf die Kapriolen, die uns hierzulande dank eines bestehenden und zu novellierenden Erneuerbare-Energien-Gesetzes immer noch beschäftigen.
Januar:
Zum Jahresanfang war das Wetter mild und die Auftragslage der Installationsfirmen allerorts sehr gut. Das hatte aber zur Folge, dass die im deutschen EEG festgeschriebene Obergrenze für die maximal zu installierende Photovoltaikleistung drohte, sehr bald erreicht zu werden – vereinzelt wurde das Ende sogar schon für das zweite Quartal prognostiziert. Es setzte also ein Wettlauf um die letzten vergütungsfähigen Megawatt ein. Gleichzeitig war die Modulverfügbarkeit um den Jahreswechsel schlecht, die noch freien Handwerkerkapazitäten zudem knapp. Die missliche Lage wurde einmal mehr durch die Weigerung der Entscheider innerhalb der Großen Koalition aus CDU und SPD, den 52-Gigawatt-Deckel für Photovoltaik im EEG abzuschaffen, ausgelöst. Leider war seit den Versprechen der Regierungsparteien, welche im Rahmen der Verabschiedung des Klimapakets in 2019 abgegeben wurden, noch nichts Substanzielles passiert. Die Akteure in der Branche sahen sich mit einer sehr geringen Planungssicherheit konfrontiert - es wurde daher wieder lautstark gefordert: der Deckel muss weg!
Februar:
Nach den verheerenden Waldbränden in Australien dominierte nun die Ausbreitung der Covid-19 getauften Lungenkrankheit in China und mittlerweile vereinzelt auch in Europa die tägliche Berichterstattung in den Medien. Wie gravierend sich die lange unterschätzte Pandemie, die wohl in der chinesischen Stadt Wuhan ihren Ursprung hatte, auf die Weltwirtschaft auswirken würde und welche Konsequenzen wir daraus tragen müssen, konnte sich damals noch niemand vorstellen. Die negativen Einflüsse beschränkten sich damals zunächst darauf, dass in China Produktionsmitarbeiter in Zwangsurlaub geschickt wurden beziehungsweise ihre Arbeit nach dem Neujahrsurlaub gar nicht erst antreten durften. Dadurch brach die Lieferkette für dringend benötigte Rohstoffe nahezu zusammen, so dass unter anderem die asiatischen Zell- und Modulproduktionen still standen.
Durch den aufkommenden Engpass wurden kurzfristige Modulpreissteigerungen von bis zu 20 Prozent befürchtet, was sich zum Glück nicht bewahrheitete - 10 Prozent betrug der maximale Preisanstieg bei einzelnen Modultechnologien und Marken kurzzeitig. Die aufkommende Corona-Krise war jedoch ein Weckruf auch für die Solarbranche und führte uns allen unsere Abhängigkeit von der „Werkbank China“ vor Augen. In der Folge wurden dann auch immer häufiger Pläne über die Errichtung neuer europäischer Produktionsstätten für Module und auch Energiespeicher beziehungsweise Akkuzellen veröffentlicht.
März:
Mit der weltweit fortschreitenden Corona-Pandemie traten immer mehr Parallelen zu einer allgegenwärtigen Bedrohung durch den ebenfalls fortschreitenden Klimawandel zutage. Diese rückte allerdings in der medialen Aufregung um das Virus zunehmend in den Hintergrund - andere Probleme schienen nun viel wichtiger zu sein. Zur Eindämmung der Infektionsgeschwindigkeit wurden von Staatschefs und Regionalpolitikern jeden Tag drastischere Maßnahmen angeordnet, bis hin zum vollständigen Lockdown. Diesen Maßnahmen fiel leider auch die Fridays-for-Future-Bewegung zum Opfer: die seit mehr als einem Jahr regelmäßig stattfindenden Freitagskundgebungen konnten nicht mehr stattfinden. Die Proteste wurden zwar „digitalisiert“ und in sozialen Netzwerken weitergeführt, was aber lange nicht die gleiche Strahlkraft hatte, wie die Massenkundgebungen auf den Straßen und Plätzen.
Dennoch glaube ich, dass wir aus den Erfahrungen mit der Corona-Pandemie und deren Bewältigung vieles lernen und für eine zukünftige Krisenbewältigung ableiten können. Uns wurde schmerzlich vor Augen geführt, wie labil manche - nicht systemrelevanten - Branchen und unser Weltwirtschaftssystem insgesamt doch ist, wie schnell es durch ein Ereignis, auf das wir nicht richtig vorbereitet sind, aus dem Gleichgewicht gebracht werden kann. Wir haben erlebt, wie ganze Wirtschaftszweige, die nur auf Sport, Unterhaltung und Genuss aufbauen, die überhaupt nur in einer Überflussgesellschaft so finanzstark und einflussreich werden konnten, innerhalb weniger Wochen vor dem Zusammenbruch stehen und nur noch mit enormen staatlichen Hilfen gerettet werden können. Ziehen wir daraus unsere Lehren oder fallen wir bald in die alten Verhaltensmuster zurück - diese Frage wird uns sicherlich noch mehrfach beschäftigen.
Mai:
Im April und Mai setzte bei den Modulproduzenten aus Asien der Trend zu immer größer werdenden Modulformaten ein. Immer mehr Hersteller setzten Pressemeldungen über neue, von ihnen erreichte Modulleistungen jenseits der 500-Watt-Klasse ab. Von den bekannteren Marken machten Longi Solar und Trina Solar den Anfang, das Ganze gipfelte dann in der Vorstellung eines 800-Watt-Moduls durch JA Solar im August des Jahres. Diese Vergrößerung der Modulfläche war auf den Einsatz von immer größeren Wafern und Zellen zurückzuführen - die klassische 6-Zoll-Zelle mit 156 Millimeter Kantenlänge hatte 15 Jahre nach ihrer Einführung endgültig ausgedient. 166- bis 210-Millimeter-Zellen ließen sich aber nicht mehr als Vollzellen verarbeiten, sogenannte Half-Cut-Zellen setzten sich durch. Manche Hersteller drittelten oder viertelten ihre Zellen sogar und setzten im Modul die Schindeltechnik ein. Diese Entwicklung spielte sich jedoch beinahe ausschließlich im Bereich der monokristallinen Zellen ab, multikristalline Produkte verschwanden zusehends vom Markt.
Es stellte sich die Frage, ob sich Module dieser Größe im Markt durchsetzen werden. Da der Markt jedoch nicht für das Modul an sich, sondern für die Leistung bezahlt, lag es für die Produzenten nahe, die Einzelleistung pro Modul immer weiter zu erhöhen. Bei gleichbleibenden Stückkosten konnte dadurch immer mehr Geld für ein Solarmodul verlangt werden, obwohl der Watt-peak-Preis gleich blieb oder sank. Tatsächlich war bei den Großhandelspreisen für hocheffiziente Module nach fast einjähriger Stagnation langsam wieder eine Abwärtsbewegung zu erkennen.
Juni:
In den Abendstunden des 18. Juni war es endlich soweit – der deutsche Bundestag beschloss die Streichung des 52-Gigawatt-Deckels für den Photovoltaikzubau aus dem EEG. Die anschließende Bundesratsentscheidung war nur noch reine Formsache. Das Aufheben der Deckelung kam im letzten Moment. Schon wenige Wochen später wäre die Obergrenze erreicht gewesen, so dass keine neuen Photovoltaikanlagen mehr durch eine vorgeschriebene Einspeisevergütung hätten gefördert werden können. Dass es nicht schon viel früher zum Förderstopp gekommen war, war allein der Verzögerung durch die Corona-Pandemie und der damit verbundenen Einschränkung der Lieferketten zu verdanken. Allerdings wurde von der Bundesregierung gleichzeitig für den Herbst ist eine umfassendere EEG-Novelle angekündigt.
Welche „Schweinereien“ unseren Politikern in diesem Zusammenhang noch eingefallen sind, dass mussten wir alle im Oktober mit Entsetzen erkennen.
Von diesen und weiteren Ereignissen des ausgehenden Jahres, so wie ein kleiner Ausblick auf das kommende Jahr, ist dann in TEIL 2 des pvXchange-Jahresrückblicks auf den Photovoltaikmarkt 2020 zu lesen.
Übersicht der nach Technologie unterschiedenen Preispunkte im November 2020 inklusive der Veränderungen zum Vormonat (Stand 17.11.2020):
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